6. bundesweite Fachtagung
Verhaltensauffälligkeit bei Menschen mit geistiger Behinderung
Würzburg / Post-Hotel13. – 15. 10. 2008
Referenten:
Prof. Dr. Georg Theunissen / Eingansreferat
„Positive Verhaltensunterstützung – Ein wirksames Konzept im
Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten“
Dipl.-Päd. Carlos Escalera / Workshop A
„Gemeinsam hoch und gemeinsam runter –
Deeskalation bei Menschen mit geistiger Behinderung“
Dr. Manfred Koniarczyk / Workshop B
„Verhaltensbeeinflussung durch Psychopharmaka
bei Menschen mit geistiger Behinderung“
Dipl.-Behindertenpäd. Dagmar Meyer / Workshop C
„Wut tut gut“ – Aggressives Verhalten verstehen (Rehistorisierung)
und deeskalierend begleiten“
Dipl.-Päd. Katja Bedra / Workshop D
„Vom Reagieren zum Agieren“ – Umgang mit Wut und Aggression
durch das Prinzip der Unberechenbarkeit (Kreatives Chaos)
Prof. Dr. Klaus Hennicke / Abschlussreferat
„Aggressive Gewalt von Menschen mit geistiger Behinderung –
Krise, psychische Störung oder strafbare Handlung (Delinquenz)?“
Alle Informationen zu den Vorträgen und Workshops der Fachtagung werden in den
HEP-Informationen 4/08 - und nachfolgend auszugsweise - veröffentlicht. Weitere Impressionen sehen sie in unserer Fotogalerie.
Prof. Dr. Georg Theunissen
„Positive Verhaltensunterstützung – Ein wirksames Konzept imUmgang mit Verhaltensauffälligkeiten“
Abgrenzung zu psychischen Störungen
Abhängigkeit von Normen
Zuschreibungen
Epidemiologie und Symptomatik
Auffälligkeiten
• im Sozialverhalten
• im psychischen Bereich
• im Arbeits- und Leistungsbereich
• gegenüber Sachobjekten
• im somatisch-physischen Bereich
• in Bezug auf selbstverletzendes Verhalten
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Positive Verhaltensunterstützung
1. Behaviorale Methoden und angewandte Verhaltensanalyse
2. Persönliche und soziale Stärken und Werte
3. Systemökologische Erkenntnisse und Überlegungen
4. Inklusion
Grundannahmen
• Herausforderndes Verhalten ist erlernt
• Herausforderndes Verhalten ist kontextbezogen
• Herausforderndes Verhalten dient einem persönlichen Zweck
• Effektive Programme basieren auf einer funktionalen Betrachtung herausfordernden Verhaltens
• Effektive Programme müssen „ganzheitlich“ ausgerichtet sein
• Effektive Programme verlangen eine gute Zusammenarbeit
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Veränderung von Kontextfaktoren
1) Besteht die Möglichkeit, eine Situation zu schaffen, in der ein auslösendes oder hintergründiges Ereignis erst gar nicht auftritt.
2) Kann eine kritische Situation so verändert werden, dass sie erträglich oder positiv bewältigt werden kann.
3) Besteht die Möglichkeit, eine angenehme Aktivität oder ein angenehmes Angebot in den Tagesablauf einzubauen, wenn eine bestimmte Anforderung bestehen bleiben muss.
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Dipl.-Päd. Carlos Escalera
„Gemeinsam hoch und gemeinsam runter –Deeskalation bei Menschen mit geistiger Behinderung“
Wir alle sind gewalttätig
Mit der Aggression umgehen bedeutet, sowohl die von anderen Menschen wie auch die von uns selbst ausgeübten Formen der Problembewältigung und der Einflussnahme, ob konstruktiv oder destruktiv, annehmen, aushalten, begrenzen und steuern lernen.
Viele Spezies passen sich einfach ihrer Umgebung an, um ihre Existenz zu sichern. Sie verändern ihr Umfeld also meistens nur geringfügig. Der Mensch hingegen charakterisiert sich dadurch, dass er seine Umwelt verändert und sie stark an die eigenen Bedürfnisse anpasst.
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Das Sichern des Selbst und die Selbsteinschätzung
Erlebt ein Mitarbeiter eine Situation mit einem Klienten als belastend oder sogar bedrohlich, so wird er Abwehr- und Gegenwehr-Strategien entwickeln, um damit fertig zu werden, d.h. um die Belastung zu minimieren oder zu beseitigen. In der Regel laufen diese Prozesse unbewusst ab.
Werden diese Prozesse in regelmäßigen Abständen reflektiert und somit bewusst gemacht, können sie wesentlich verbessert werden. Aus diesem Grund wird hier eine introspektive Arbeit vorgeschlagen. Zunächst aber möchte ich auf die Subjektivität des Problemerlebens, die Beurteilung der Handlungsnotwendigkeit und die Bewältigungsstrategien eingehen.
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Körperliche Strategien zur Belastungsminimierung und / oder Verletzungsverringerung
Was kann ich tun, wenn jemand mich körperlich angreift und ich nicht in der Lage bin, den Angriff sprachlich zu steuern oder mich vom Angreifer zu entfernen? Diese Frage wird sehr oft in den Seminaren und Beratungsstunden zu diesem Thema gestellt.
Dabei denken viele TeilnehmerInnen an Selbstverteidigungskurse. Deswegen, und bevor ich die Möglichkeiten der körperlichen Intervention aufzeichne, möchte ich begründen, warum ich Selbstverteidigungskurse für eine problematische Form der Verletzungsvermeidung halte.
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Dr. Manfred Koniarczyk
„Verhaltensbeeinflussung durch Psychopharmaka bei Menschen mit geistiger Behinderung“Im Workshop B, der sowohl am Vormittag als auch am Nachmittag mit jeweils 30 TeilnehmerInnen gut besucht war, wurde das Thema „Verhaltensbeeinflussung durch Psychopharmaka bei Menschen mit geistiger Behinderung“ kontrovers behandelt und diskutiert. Anhand der aktuellen Literatur wurde aufgezeigt, dass Psychopharmaka bei Menschen mit geistiger Behinderung nach wie vor und sehr häufig aufgrund problematischer, zumeist aggressiver Verhaltensauffälligkeiten zur Anwendung kommen, diese aber andererseits die am wenigsten effektive Behandlungsform bei schwerwiegenden Verhaltensstörungen sind.
Psychopharmaka können aber auch bei Menschen mit geistiger Behinderung gut wirksam sein, wenn ihr Einsatz auf dem Hintergrund einer „sicheren“ Diagnose erfolgt.
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Sofern
jedoch eine schwerwiegende Verhaltensstörung im Sinne eines herausfordernden Verhaltens auf dem Hintergrund ungünstiger Umgebungsbedingungen, im Rahmen von Übergangssituationen z.B. bei einem Wechsel vom Elternhaus in ein Wohnheim, oder ungünstiger Lebensumstände, früherer Traumatisierungen oder tiefgreifender Entwicklungs- oder schwerer Persönlichkeitsstörungen bedingt zu sein scheint sollte der dann nur symptomorientierte Einsatz von Psychopharmaka eher zurückhaltend erfolgen.
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Dipl.-Behindertenpäd. Dagmar Meyer
„Wut tut gut“ – Aggressives Verhalten verstehen (Rehistorisierung) und deeskalierend begleiten“Rehistorisierung aggressiven Verhaltens
• verstehende Diagnostik
• Entschlüsselung „unverständlicher“ Verhaltensweisen
• Bedeutung und Wirkung von Schädigung und Ausgrenzung
• „wie ist jemand so geworden, wie er heute ist?“
• „was ist seine Zone der nächsten Entwicklung?“
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Verhalten erregt Aufmerksamkeit
Menschen mit „geistiger Behinderung“ erscheinen zuweilen „unverständlich“ – unabhängig davon, ob sie sich über Wortsprache verständigen oder über andere Kommunikationskanäle. Sie wiederholen beispielsweise fortlaufend eigene Erlebnisse, fordern scheinbar immer gleiche Antworten ein, ziehen sich scheinbar zurück und verweigern scheinbar jeglichen Kontakt, verletzen sich oder auch andere; sie zeigen Verhaltensweisen, die andere „nerven“, als anstrengend erleben, und dies trotzdem sie eigentlich wissen müssten (!), dass sie damit negative Reaktionen erreichen. Das Verhalten erregt zunächst Aufmerksamkeit, weil es unerwartet, unverständlich, schwierig erscheint. Es entsteht dann schnell die Frage nach möglichen Interventionen. Eine häufig anzutreffende Idee ist dann die aus verhaltenstherapeutischen Zusammenhängen entstandene, sich in der Praxis verselbständigende Strategie, es wäre notwendig, das Verhalten zu ignorieren, da es sonst verstärkt werden würde. Hintergrund ist die Vorstellung, durch das jeweilige Verhalten wolle Aufmerksamkeit erreicht werden oder diene der Provokation, weshalb auf das Verhalten lieber nicht eingegangen werden solle.
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Die Suche nach einem freundlichen Begleiter – Psychotherapie und geistige Behinderung
Der scheinbare Anstieg von Verhaltensstörungen bzw. psychischen Störungen bei geistig behinderten Menschen – sichtbar insbesondere in den Verhaltensweisen, die traditionell dem „harten Kern“ geistiger Behinderung zugeordnet werden, wie körperliche Aggressionen, selbstverletzendes Verhalten und Destruktivität – können als Resultat von Bindungsstörungen, insbesondere auch posttraumatischen Belastungsstörungen, begriffen werden.
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Dipl.-Päd. Katja Bedra
„Vom Reagieren zum Agieren“ – Umgang mit Wut und Aggression durch das Prinzip der Unberechenbarkeit (Kreatives Chaos)Das „Kreative Chaos“ baut auf den Grundlagen der Systemischen Therapie und Beratung auf. Aus systemischer Sicht wird die Zuschreibung eines Problems an eine bestimmte Person schon im Ansatz konsequent zurückgewiesen. D.h. das Symptom beim so genannten identifizierten Problemträger wird als Ausdruck und Konsequenz einer Störung in seinem sozialen Umfeld gedeutet.
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Tritt also ein Problemverhalten bei einem Bewohner auf, so wird man sich diesem zunächst auf unterschiedlichste Weisen
nähern (Problemanalyse, Anamnese, Bearbeitung systemischer Zusammenhänge, bei Bedarf: Pharmakotherapie, Sicherheitsgebende Maßnahmen, usw.).
Dabei gilt für alle diese Strategien, dass auf dem Hintergrund systemischer Sichtweisen jede Form von Aggression, sowohl selbstverletzendes Verhalten als auch Fremd- und Sachaggressionen, als Kommunikation angesehen wird.
Es geht darum, mit dem Symptomträger wieder in Kontakt zu kommen, in Kommunikation zu treten.
Erst wenn alle anderen Strategien nicht greifen, kann das „Kreative Chaos“ als ein Mittel zum Agieren eingesetzt werden.
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Prof. Dr. Klaus Hennicke
„Aggressive Gewalt von Menschen mit geistiger Behinderung – Krise, psychische Störung oder strafbare Handlung (Delinquenz)?“Zur Häufigkeit aggressiven Verhaltens bei Menschen mit geistiger Behinderung
Aggressive Verhaltensweisen bei Menschen mit geistiger Behinderung kommen sehr häufig vor und zwar in allen Kontexten der Behindertenhilfe: Kindergärten, Sonderschulen für geistig Behinderte, stationäre Einrichtungen der Behindertenhilfe, aber auch in den Familien. Die Prävalenzzahlen schwanken zwischen 10 und 70 %, im Durchschnitt muss von einer Häufigkeit von mindestens 30 % ausgegangen werden.
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Aggressiv-expansives Verhalten stellt eines der größten (ungelösten) Probleme in der Betreuung dar. Es bedeutet eine große Herausforderung für die alle Mitarbeiter im Alltag ebenso wie für Fachleute, die – sofern sie denn herangezogen werden, was in der Tat nicht selbstverständlich ist – häufig ratlos vor diesem „Phänomen“ stehen. Aggressive Verhaltensweisen sind der häufigste Grund für den Einsatz von Psychopharmaka, für (unangemessene, ethisch nicht vertretbare) Gegengewalt, für die Unterbringung in exklusiven Wohnformen (Intensivgruppen, WGs für „Doppeldiagnosen“, TWGs) sowie schließlich für sog. Kriseninterventionen in der Psychiatrie.
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Was ist eine individuelle Krise?
Bisherige individuelle Fähigkeiten, Strategien, Verhaltensmuster, Ressourcen und Strukturen zur Bewältigung der alltäglichen und besonderen Belastungen genügen nicht mehr. Die Grenzen sind offener und durchlässiger geworden, die Person ist weniger geschützt und wird verletzlicher, das Risiko des individuellen Zusammenbruchs ist erheblich.
Diesen Zustand kann der Betroffene zunehmend schlechter aushalten, er will ihn verändern, um ihn zu beenden.
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Aggressives Verhalten wird erst dann zu delinquentem Verhalten, wenn es eine Straftat darstellt. Ob das so ist, wird im
deutschen Strafrecht in drei Schritten geprüft:
• Tatbestand,
• Rechtswidrigkeit und
• Schuld.
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Zusammenfassung „Delinquenz und Maßregelvollzug“
Die Wahrnehmung der Aggressivität als Delinquenz bedeutet, dass die gesellschaftlichen und strafrechtlichen Folgen
einbezogen werden müssen (Bestrafung, Unterbringung in der Forensik; Weisungen, Zuchtmittel bei Jugendlichen).
Für die Alltagspraxis sollte der dringende Rat von C. NEUMANN (2006) beherzigt werden: „Wer gegen Gewalt arbeitet, sollte dies nicht alleine tun!“ Da aggressive Gewalt ständig erfahren wird, sollte – bevor schnelle, allzu pragmatische Lösungen gefunden werden – erstmal innegehalten werden, um eine komplexere Problemsicht / -einschätzung zu ermöglichen, die dann „nach außen“ kommuniziert werden kann. Probleme haben erst dann eine Chance der Veränderung, wenn sie allgemein als Problem akzeptiert sind.
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