Kosovo - Hilfseinsatz
Bericht in den HEP-Informationen 3/02Als ich im Mai 2001 von dem beschriebenen Hilfstransport aus dem Kosovo zurückkehrte, war ich bereits durch diesen kurzen Aufenthalt so beeindruckt, dass ich damals schon plante, einmal für einige Zeit direkt vor Ort mitzuarbeiten.
Im März dieses Jahres war es dann nun endlich soweit. Ich traf mich mit Judith Schürmann der Leiterin von MNA in der Schweiz. Von da aus ging unsere Reise per PKW quer durch die postjugoslawischen Länder in Richtung unserem Ziel - Kosovo. Wir hatten diese Strecke ganz bewusst so gelegt, um uns allmählich mit den Veränderungen in den Ländern vertraut machen zu können und uns langsam auf unsere Aufgabe einzustellen.
Über Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Serbien ging es hinein nach Kosovo. Unser Einsatzgebiet liegt in der Region von Malisheva, einer Kleinstadt etwa in der Mitte gelegen zwischen der Hauptstadt Prishtina und Prizren.
Die Organisation MNA (Medizinische Nothilfe Albanien) hatte schon seit
längerer Zeit bei einer kosovarischen Familie eine kleine Wohnung
angemietet, in der wir in der Zeit unseres Aufenthaltes wohnen konnten.
Diese Vermietung ist zugleich die entscheidende wenn nicht gar einzige
Einnahme und zugleich Lebensgrundlage dieser Familie. MNA betreibt in
Malisheva einen ambulanten Hilfsdienst für kranke und behinderte
Menschen, wobei der Anteil der geistig behinderten Menschen hier sehr
hoch ist. Somit war ich natürlich relativ schnell in diesem Gebiet
„heimisch“. Zwei kosovarische Mitarbeiterinnen, von der Ausbildung her
Krankenschwestern, führen diese Tätigkeit mittlerweile über längere
Zeiträume auch selbst aus. Nach Möglichkeit ist eine ausländische
Mitarbeiterin vor Ort um Anzuleiten, zu Organisieren, zu Unterstützen -
also um möglichst sichere Strukturen aufzubauen. Während meiner
Einsatzzeit begleitete ich die Mitarbeiterinnen in die Dörfer zu den
Familien. Da diese Dörfer teilweise weit auseinander liegen und meist
nur durch sehr schlechte Straßen (oft einfache Schotterpisten) oder gar
nur über einfache Feldwege erreichbar sind, waren diese Besuche oft
recht spannend. Daraus ergibt sich auch, dass für diesen Dienst
unbedingt eine sicherer und geländegängiger Wagen nötig ist. Aufgrund
der beschriebenen Anforderungen, hat das Fahrzeug starke Belastungen
auszuhalten und muss so oft repariert werden, bzw. es muss evtl.
ausgewechselt werden.
Die Familiensituation vor Ort ergibt, dass die geistig behinderten Menschen derzeit ausschließlich zu Hause in der Großfamilie wohnen. So fuhr ich also jeden Tag mit den sehr engagierten Mitarbeitern zu den Familien mit ihren behinderten Angehörigen.
Meine Aufgabe dabei war es so gut es in der kurzen Zeit ging, die entsprechenden familiären Situationen und speziell die Probleme der behinderten Menschen oder mit den Behinderten kennen zu lernen. Darauf aufbauend versuchte ich gemeinsam mit den Mitarbeitern und den Angehörigen Förderungsmöglichkeiten, Lernprogramme und andere Hilfsmaßnahmen zu entdecken, aufzustellen und durchzuführen. Ausgehend von den Behinderten und der Familiensituation waren dabei oftmals elementare Möglichkeiten wie z.B. Lagerung, Sitzmöglichkeiten, pflegerischen Versorgung, allgemeine Beschäftigung, aber auch Spielmöglichkeiten oder Einsatz und Umgang mit Materialien zu suchen. Mit der Umsetzung und Durchführung haben wir sofort begonnen. Dabei ging es auch gleich um die Übernahme dieser Programme durch die kosovarischen Mitarbeiterinnen. Wichtig dabei war es, die Angehörigen nach ihren Möglichkeiten mit einzubeziehen. Das war oftmals nicht einfach, da sie sich sehr stark vom therapeutisch-medizinischen Ansatz leiten lassen. Das bedeutet, dass sie z. B. ganz stark auf Medikamente und den Einsatz von Ärzten setzen. Immer wieder erlebte ich die Situation, dass Angehörige nach Medikamenten sich erkundigten mit dem Hintergrund, dass diese ihren behinderten Angehörigen heilen könnten. Außerdem wurde auch sehr oft der Wunsch geäußert, den behinderten Menschen ins Ausland (vor allem nach Deutschland) bringen zu können um ihn dort in einer Klinik behandeln und somit heilen zu können. Nicht zu vergessen dabei die Frage nach dem entsprechenden Geld dazu.
Zusammengefasst kann ich sagen, dass bei den von uns dort betreuten behinderten Menschen, mit einer kontinuierlichen und zielgerichteten Arbeit eine Menge erreicht werden kann! Schwierigkeiten gibt es natürlich bei den materiellen Hilfsmitteln, sowie bei den Wohnbedingungen. Hier ist es besonders wichtig, die speziell benötigten Materialien genau auszuwählen, zu besorgen (inkl. Finanzierung), vor Ort zu bringen (Logistik), einzusetzen und auch hier wiederum die Angehörigen von den Möglichkeiten und der Sinnhaftigkeit zu überzeugen - entgegen ihrer reinen medizinischen Herangehensweise. Dennoch möchte ich an dieser Stelle betonen, dass viele Eltern und Angehörige ihre Betroffenen oft soweit als möglich als normales Familienglied anzunehmen versuchen.
Eine große Schwierigkeit stellt fast überall das Problem der Inkontinenz dar. Da auch sonst kaum Waschmöglichkeiten vorhanden sind, wird sehr stark auf den Einsatz von Wegwerfwindeln gesetzt. Daraus ergeben sich aber wiederum das große Problem der Finanzierung (derzeit nur über Hilfsleistungen aus dem Ausland möglich) sowie der Entsorgung.
Allgemein kann ich sagen, dass wir in den kosovarischen Familien immer mit großer Gastfreundschaft aufgenommen wurden. Somit war es immer ein Besuch der (Groß-)Familie. Allerdings hatte das zur Folge, dass diese stets sehr zeitintensiv waren. Im Sinne des Behinderten und der Familie waren es aber immer willkommene Abwechslungen und offensichtlich auch Hilfen. Außerhalb dieser ambulanten Tätigkeiten in den Familien, die im Wesentlichen bis nach dem Mittag andauerten, führte ich regelmäßig für die Mitarbeiterinnen kleine Weiterbildungen durch. Sie bezogen sich auf die Umstände, Notwendigkeiten und Möglichkeiten in diesem Arbeitsgebiet. Wichtig ist hier unbedingt noch zu erwähnen, dass die allgemeine Lebens- und Wohnbedingungen nach dem Krieg in keiner Weise mit denen bei uns in Deutschland zu vergleichen sind. Froh sind die Menschen, dass sie jetzt ein neues Dach über den Kopf haben. Dennoch haben sie kaum Möglichkeiten, um von selbst heraus ihre Lebenssituation zu verbessern. Vor allem fehlende Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten hemmen die Entwicklung enorm. Dazu kommt, dass die Wunden des Krieges in jeglicher Hinsicht sicher noch viele Jahre der Aufarbeitung bedürfen. Dieses unter UNO-Mandat stehende Land wird z.B. nach wie vor sehr stark vom Militär beherrscht und kontrolliert. Damit können die Menschen derzeit allerdings sehr gut umgehen, weil dies gleichzeitig der gegenseitige Schutz für sie darstellt, wie ich vielen Gesprächen entnehmen konnte. Durch die vielen Besuche bei kosovarischen Familien wurden mir immer wieder Erlebnisse in Verbindung mit Krieg und auch danach geschildert. Stets bezogen sich die Gespräche auch auf Deutschland, was als absolutes Vorbild und zugleich Retter (in Bezug auf das Eingreifen im Krieg) gesehen wird.
Abschließend möchte ich sagen, dass es für mich eine sehr intensive, eindrucksvolle und bewegende Zeit in diesem Land war. Aufgrund der vielfältigen Erfahrungen, Erlebnisse und Notwendigkeiten heraus möchte ich auch weiterhin versuchen diesen Kontakt zu halten und auszubauen. Dabei geht es von Deutschland aus vor allem um Aufklärungsarbeit, Anschaffen und Organisation sowie Transport von Hilfsgütern.
Die wichtigste Hilfe die aber derzeit geleistet werden kann und muss, ist die Unterstützung des Projektes in Malisheva vor Ort durch ausgebildetes Personal und - als dringlichste Hilfe - die Finanzierung des kosovarischen Personals. Somit können wir helfen dass diese Arbeit selbständig und stetig durchgeführt werden kann.
Damit die beiden kosovarischen Mitarbeiterinnen Fatime und Albrim weiterhin diese Arbeit für die geistig behinderten Menschen tun können und auf der Grundlage von Weiterbildungen und Strukturverbesserungen dieser Bereich stabilisiert werden kann, wird unbedingt finanzielle Hilfe benötigt! Sie beläuft sich derzeit dafür auf ca. 500, EUR im Monat. Wenn Sie dabei mithelfen wollen und können, würden Sie enorm viel helfen! Ich kann Ihnen versichern das diese Hilfe zu 100 % dieser Arbeit, also diesen Menschen wirklich hilft!
Vielen Dank - Faliminderit!
Mit freundlichen Grüßen
Johannes Tittel
