Fachtagung 2004
KOMMUNIKATION
Nicht sprechen können, heißt nicht, nichts zu sagen zu haben Kloster St. Marienthal in der Oberlausitz27.09. - 29.09.2004
Auszüge der Vorträge / Workshops
Alle Beiträge werden in den HEP-Informationen 4/04
komplett abgedruckt
Diese können - soweit noch vorrätig - bei der Bundesgeschäftsstelle bestellt werden
Dipl. Psychologe Günter Blesch
Die Sprache der Hände Erwerb und Anwendung der Gebärdensprache bei nicht sprechenden Menschen mit Down-Syndrom und Menschen mit geistiger Behinderung
Auch Menschen mit fehlenden oder mit eingeschränkten lautsprachlichen Möglichkeiten haben das Recht und den Wunsch, ihre Bedürfnisse angemessen zu äußern. Vielen bleibt letztlich nur die Möglichkeit, sich mittels Verhaltensweisen effektiv mitzuteilen, die wir allzu oft als "Störungen"s bezeichnen und wegtherapieren wollen. Eine Alternative dazu bieten sowohl technische Hilfen (z. B. Sprech- und Schreibgeräte) als auch der Einsatz der Gebärdensprache. Anhand von Erfahrungsberichten bei über 50 nichtsprechenden autistischen und geistig behinderten Menschen werden sowohl die Ziele als auch die Voraussetzungen, die Förderansätze und die Ergebnisse beim Erwerb und in der alltäglichen Anwendung von Gebärden dargestellt. Das sensible Hineindenken in die Begriffswelt und in die besonderen Interessen der Betroffenen ist hierbei genauso wichtig wie der alltägliche Rahmen, in dem die Kommunikation gelingen soll.
I. Einleitung
Die Verbesserung der Kommunikationsmöglichkeiten nichtsprechender autistischer und geistig behinderter Menschen ist das Thema zahlreicher Veröffentlichungen und Entwicklungen in den vergangenen Jahren. Zum einen haben die Grenzen des herkömmlichen Sprach- und Artikulationstrainings für diese Menschen alternative Kommunikationsformen notwendig gemacht, zum anderen hat die Entwicklung technischer Hilfsmittel neue Möglichkeiten eröffnet. (...)
2. Situation nichtsprechender geistig behinderter Menschen
Etwa
ein Drittel der autistischen und geistig behinderten Menschen kann
nicht sprechen. Viele von ihnen verstehen jedoch die gesprochene
Sprache und auch sprachliche Anweisungen, die mit optischen, situativen
oder gestischen Hinweisen gekoppelt sind. Sich mitteilen zu können ist
ein Grundrecht, das zur Verbesserung der Lebensqualität dieser Menschen
entscheidend beitragen kann. Des öfteren kommt es mangels geeigneter
Ausdrucksmöglichkeiten zu apathischen und resignativen Verhaltensweisen
oder zu sehr massiven Verhaltensauffälligkeiten.
(...)
3.1 Gebärdenkommunikation
Viele
auffällige und belastende Verhaltensweisen können durch eine
angemessene Gebärdenkommunikation ersetzt werden. Hierbei unterscheiden
wir folgende Schritte:
• Ein erstes Ziel unserer Arbeit besteht darin, genau zu beobachten, was uns die nichtsprechenden Menschen zu "sagen" haben.
• In einem zweiten Schritt gilt es, dieses Kommunikationsangebot aufzugreifen und eine dafür angemessene Gebärde auszuwählen.
• Dann wird entschieden, in welcher Situation die Gebärde gelernt werden soll. Hier gibt es mehrere Möglichkeiten:
— Einzelförderung in einem speziell therapeutischen Rahmen,
— Erwerb der Gebärde in der natürlichen Alltagssituation,
— Erwerb der Gebärde gemeinsam in einer Gruppe.
3.2 Einzelförderung oder Lernen in der Kleingruppe?
Beide
Vorgehensweisen können sowohl unabhängig voneinander als auch
aufeinander aufbauend angewendet werden. Viele der besonders schwer
geistig behinderten Menschen hätten ohne gezielte Einzelförderung die
Gebärden nicht gelernt. Zum Teil können sie diese aber jetzt in der
Gruppe und untereinander anwenden. Das Erlernen der Gebärden in der
Gruppe ist zu Beginn der Förderung nur dann möglich, wenn die Lernenden
Blickkontakt aufnehmen und imitieren können. Denn nur dann findet ein
Modellernen statt.
Insbesondere bei geringen Voraussetzungen ist zunächst der Einstieg über eine Einzelförderung sinnvoll. (...)
Sehr wichtig sind deshalb die Absprachen zwischen therapeutischen
Diensten und den Bezugspersonen im Alltag. Wo es möglich ist, sollten
die Gebärden in der natürlichen Lebenssituation der Betroffenen direkt
erlernt werden. Der Erwerb der ersten Gebärden bis hin zur Verwendung
von Gebärdensätzen im Alltag wurde in Form eines Videofilms
dokumentiert.
Verschiedene Vorgehensweisen und Arbeitsmaterialien, die für das
Erlernen der Gebärdensprache wichtig sind, werden in dieser
Dokumentation bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aufgezeigt. Es
bleibt festzuhalten, dass auch bei Erwachsenen geistig behinderten
Menschen die Gebärdensprache eine sinnvolle Erweiterung der
kommunikativen Kompetenz darstellt (Müller 1987). Die Gebärdensprache
kann sowohl ein lautsprachersetzendes als auch ein
lautsprachunterstützendes System darstellen. Bei einigen
nichtsprechenden Menschen können Gebärden zum Sprechen hinführen und
dann sogar überflüssig werden.
6. Ausblick
Die
Kommunikation mit Gebärden ist für viele Menschen, die nicht sprechen
können, ein elementarer Teil ihrer Persönlichkeit geworden. Für einige
ist sie zur Alternative für schwierige und belastende Verhaltensweisen
geworden, während andere mit Gebärden Wünsche und Gefühle ausdrücken,
Fragen stellen, etwas beschreiben, um Hilfe bitten oder eine zu
schwierige Aufgabe angemessen ablehnen. Ihre Grenzen hat diese
Kommunikationsform dort, wo es für die Betroffenen immer noch
effektiver erscheint, sich über Handeln durchzusetzen.
Auf keinen
Fall sollte dieses Kommunikationssystem eingesetzt werden, wenn die
Voraussetzungen fehlen. Bei diesen Menschen können basale,
körperorientierte Kommunikationsformen sinnvoll sein. Schädliche
Auswirkungen auf die Entwicklung der Lautsprache sind auch bei jungen
Behinderten mit guten Artikulationsansätzen nicht zu erwarten. Rigide
Kommunikationsstrukturen, bei denen der Behinderte passiver Empfänger
von Gebärdenanweisungen bleibt bzw. ihn einschränkende Lebensformen
erweisen sich als ungünstig. Selbstverständlich scheint auch die
mangelnde Gebärdenkenntnis des Kommunikationspartners eine
"Sprach-Barriere" zu sein, die allerdings schnell überwunden wird, wenn
er grundsätzlich bereit ist, von behinderten Menschen etwas zu lernen.
Schließlich erfüllt es auch die nichtsprechenden Menschen mit Stolz, uns ihre Sprache zu lehren.
Dipl. Heilpädagoge Winfried Mall
Basale Kommunikation - Wechselseitigkeit erleben ohne Voraussetzungen



Dipl. Heilpädagogin Elli Eberhard
Diplom-Psychologe Reinhard von Rekowski
Kommunikation in Teams
Definition und Differenzierung von "Kommunikation":
In einer neutralen, gleichsam "technischen" Ausdrucksweise gesprochen,
bedeutet Kommunikation im weitesten Sinne die Übermittlung von
Information, wobei "Übermittlung" ein formales Strukturmoment,
"Information" ein inhaltliches Moment bezeichnet. Der Begriff
"Übermittlung" setzt (mindestens einen) "Sender" und (einen oder
mehrere) "Adressaten" der Information (= Empfänger) voraus. Zeichen
werden vom "Sender" codiert, d.h. mit Sinn unterlegt, sie werden vom
"Empfänger" decodiert, d.h. ihr Sinn wird entschlüsselt.
(...)
Differenzierung des Kommunikationsbegriffs:
Der Begriff Kommunikation läßt sich in dreifacher Weise differenzieren. Wir können unterscheiden:
• mündliche und schriftliche Kommunikation
• direkte und indirekte Kommunikation
•Massenkommunikation und (interaktive) Alltagskommunikation
(...)
Die Grundlagen der Kommunikation:
• Sprache, Wortschatz und Satzbau
• Stimme und Sprechweise
• Gestik und Mimik
•Körpersprache und Erscheinungsbild
(...)
Teams:
• Teams arbeiten mit klar definierten Zielen
• Alle Mitglieder übernehmen Verantwortung für die Zielerreichung
• Die selbst gesetzten Leistungsstandards sind hoch
• Persönliche Ziele und Leistungsziele stehen nicht im Widerspruch zueinander
• Teammitglieder erkennen sich gegenseitig an und bringen Verständnis füreinander auf
• Der Kommunikationsstil erlaubt eine große Offenheit der Mitglieder (...)
Firma KomRat
Elektronische Kommunikationshilfen
Leider liegt uns kein bericht vor
Dipl. Psychologin Annemarie Sellin
Gestützte Kommunikation
Die
"Gestützte Kommunikation" wurde Ende der 70er Jahre von der
australischen Pädagogin Rosemary Crossley für Menschen mit schwerer
cerebraler Cerebralparese entwickelt. Wegen der gestörten Koordination
ihrer Hand- und Fingerbewegungen wird diesen Menschen eine physische
Unterstützung gegeben, sie können so auf Buchstaben zeigen und sich
sprachlich ausdrücken. Zur Kommunikation werden Buchstabentabellen,
Schreibmaschinen oder Computer benutzt.
Es zeigte sich, dass diese
Methode auch eine geeignete Möglichkeit ist für nicht sprechende
Menschen ohne sichtbare gestörte Motorik - wie zum Beispiel autistisch
behinderte Menschen. Rosemary Crossley nimmt an, dass für Menschen, die
Kommunikationsprobleme haben, diese Schwierigkeiten im Grunde nicht im
kognitiven Bereich liegen, sondern eher Ausdruck einer Art Apraxie
sind. Das heißt, dass viele Menschen mit Entwicklungsbehinderungen
große Schwierigkeiten haben, sich auszudrücken und ihre Ideen und
Absichten mündlich zu äußern .
Mit Hilfe der "Gestützten Kommunikation" können diese Menschen auf
Buchstaben zeigen und somit Wörter, Silben und Sätze konstruieren.
Diese Methode erfordert eine anfängliche "Hand-auf-Hand" oder
"Arm-auf-Arm" Unterstützung, eventuell Hilfestellung bei der Isolierung
des Zeigefingers und durch ermutigende Worte wird ein Gefühl der
Sicherheit vermittelt.
Mit der Zeit kann die körperliche Unterstützung entweder vollständig
wegfallen oder nur noch durch eine Berührung mit einer Hand auf der
Schulter erfolgen. In Deutschland wird die Methode systematisch seit
1990 angewendet. Seit 2000 gibt es das FC-Netz Deutschland, das
Stützerausbildung anbietet.
Gestützte Kommunikation ist eine Kommunikationsmethode aus dem Bereich der Unterstützten Kommunikation.
(...)
Was ist gestützte Kommunikation oder FC? Definition
Zur
Gestützten Kommunikation (FC = Facilitated Communication, to facilitate
= erleichtern) gehören 2 Personen: die schreibende und die stützende
Person (FC-User oder FC-Speaker und Facilitater oder Stützer)
(...)
Der Schreiber:
Zeigt auf Bilder oder Buchstaben. Die Bewegung und der Impuls gehen vom
Schreiber aus. Die Bewegung muss folgende Kriterien erfüllen:
a) die Bewegung muss gezielt sein, sie darf nicht diffus sein
b) die Bewegung muss eindeutig sein, das heißt, sie muss eindeutig auf
einen Buchstaben, Bild oder Gegenstand zeigen. Die Antwort muss nicht
richtig sein.
Der Stützer: begleitet die Bewegung des Schreibers, indem er anfangs
mit seiner Hand die Hand des Schreibers stützt, eventuell den
Zeigefinger isoliert. Später ist in der Regel nur die Stütze des
Unterarmes, des Ellenbogens, Oberarmes oder der Schulter notwendig. Der
Stützer wird vom Schreiber geführt. Darum muss die Bewegung des
Stützers immer langsamer sein als die Bewegung des Schreibers.
a) Wenn keine gezielte eindeutige Bewegung vom Schreiber kommt, ist Gestützte Kommunikation nicht möglich.
b) Wenn der Stützer die Bewegung des Schreibers initiiert, lenkt oder
die Richtung korrigiert, ist es keine Gestützte Kommunikation.
(...)
Welchen Personen sollte man die Gestützte Kommunikation anbieten?
FC
ist entwickelt worden für Menschen mit cerebraler Paräse, die sich
lautsprachlich nicht äußern können. Darüber hinaus hat sich die Methode
als geeignet erwiesen für Menschen, die in ihrer mündlichen Sprache
beeinträchtigt sind, die wenig sprechen können, die nicht adäquat
kommunizieren können (Echolalie, Wiederholungen) oder stumm sind. Die
Gestützte Kommunikation sollte diesen Menschen angeboten werden.
Sinnvoll ist es immer FC anzuwenden, wenn durch diese Methode ein
höheres Kommunikationsniveau erreicht wird. Wenn jemand durch die
Stütze "Ja" und "Nein" eindeutig ausdrücken kann und dies ohne Stütze
nicht möglich war, dann ist der Einsatz von FC gerechtfertigt, weil es
eine Verbesserung der Kommunikation darstellt.
(...)
Was versteht man unter "Unterstützter Kommunikation"?
Der
englische Begriff "Augmentative and Alternative Communication"
(abgekürzt: MG) wurde im Deutschen mit "Unterstützte Kommunikation"
(abgekürzt: UK) übersetzt.
Definition: Unterstützte Kommunikation zielt darauf, die
Kommunikationsmöglichkeiten von Menschen mit schweren
Kommunikationsstörungen zu verbessern, indem ihnen Hilfsmittel,
Techniken und Strategien zur Verfügung gestellt werden, welche die
Lautsprache ergänzen (augmentativ) oder ersetzen (alternativ).
Augmentative und alternative Kommunikation (U nterstützte
Kommunikation) ist der Sammelbegriff für alle nonverbalen
Kommunikationsstrategien, die bei hörfähigen Menschen angewendet werden
(d.h. Abgrenzung zur Gehörlosenpädagogik! ).
Die Gesellschaft für
Unterstützte Kommunikation e.V. ISMG (International Society for
Augmentative and Alternative Communication) bietet Informationen,
Fortbildungen, Literatur und Beratung für den Bereich Unterstützte
Kommunikation. Ausführliche Informationsmappe kann bei
ISAAC Deutschland-Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation e.V.,
c/o Susanne Bünk,
Pfarrer Dr. Hoffmann Str. 5a,
53343 Wachtberg - Adendorf,
E-Mail: geschaeftsstelle@isaac-online.de
angefordert werden. (...)
